Ausgrabungen in Sanktanna Ein besonderer Vortrag beim ARO (Rumänischer Kulturverein Frankfurt und Umgebung e.V.) und an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Der Rumänische Kulturverein Frankfurt und Umgebung (ARO) hatte im Laufe der Zeit zahlreiche anspruchsvolle kulturell-künstlerische Veranstaltungen. Ein Höhepunkt war der Vortrag von Prof. Rüdiger Krause, Freitag, den 15. November,...
Viena

Der Rumänische Kulturverein Frankfurt und Umgebung (ARO) hatte im Laufe der Zeit zahlreiche anspruchsvolle kulturell-künstlerische Veranstaltungen. Ein Höhepunkt war der Vortrag von Prof. Rüdiger Krause, Freitag, den 15. November, in der Aula der Universität von Frankfurt a. M. Prof. Krause sprach zum wissenschaftlichen deutsch-rumänischen Projekt: Ausgrabungen auf der bronzezeitlichen Siedlung von Sanktanna und Cornești-Iarcuri, im Rumänischen Banat.

Die Sekretärin des Kulturvereins „ARO”, Brânduşa Massion, erfuhr im Januar 2019 von der ärchäologischen Ausgrabung in Sanktanna durch einen Beitrag in Arad-online, der über die außergewöhnlichen Entdeckung der Archäologengruppe um Professor Rüdiger Krause von der „Johann Wolfgang von Goethe”-Universität in Frankfurt am Main und Professor Florin Gogâlțan vom Institut für Archäologie der Rumänischen Akademie, in der Dorfflur „Cetatea Veche” der Stadt Sanktanna berichtete. Die Feldforschungen sind auf mehrere Jahre geplant und werden durch das Programm LOEWE des Landes Hessen zur Wissenschafts- und Wirtschaftsförderung gestützt.

Nach einer Beratung mit der Leitung der ARO nahm Frau Massion die Verbindung mit Prof. Rüdiger Krause auf und schlug ihm vor, seine Forschungsergebnisse einem rumänisch-deutschen Zuhörerkreis in einem Vortrag des Kulturvereins „ARO” mitzuteilen. Der Professor war mit dem Vorschlag einverstanden und regelte mit der Goethe-Universität die Bereitstellung der Räumlichkeiten. Darauf erfolgte die Einberufung eines entsprechenden Zuhörerkreises. Zum Vortrag in der Aula der Universität erschienen fast hundert Zuhörer, davon die Hälfte Deutsche, auch Banater Schwaben.

Die Aula gehört zur Universität, an der das IG-Farben Hochhaus auffällt. Als nach dem Weltkrieg 1945 die ganze Stadt zerstört war, blieb dieses Gebäude erhalten. Es wurde verschont, um als Hauptquartier des amerikanischen Militärs im besetzten Deutschland zu dienen. Hier wurden manche Seiten der europäischen Nachkriegsgeschichte geschrieben, doch heute hat das Gebäude eine andere Bestimmung.

Frau Brândușa Massion stellte zuerst den Kulturverein ARO vor und sprach dann über die Tätigkeit von Professor Rüdiger Krause. Er arbeitete viele Jahre am Schutz der historischen Monumente in Stuttgart, wurde Professor, lehrte an der Freien Universität Berlin und wirkte seit 2006 als Professor für Paleoarchäologie am Archäologischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Prof. Krause leitet verschiedene Forschungsprojekte in Europa, im Taurus-Gebirge, in den Alpen, Karpaten und in der Region Transural. Sein Hauptinteresse gilt der archaischen Metallurgie und verschiedenen Themen der Bronzezeit.

Professor Krause fesselte seine hundert Zuhörer durch seine wissenschaftlich hochwertige Darstellung durch zahlreiche Einzelheiten und Dia-Projektionen vom archäologischen Feld und seinen Besonderheiten. Nach einer kurzen Einführung über frühere Ausgrabungen im ausgedehnten Festungsbereich Corneşti-Iarcuri – dem größten dieser Art in Europa – berichtete der Professor über die Ergebnisse der Ausgrabungen von 2018 auf der Flur „Cetatea Veche” in Sanktanna.

Zuerst wurden schonende magnetometrische Messungen durch Überfliegen des Gebietes mit rumänischen Messapparaten einer rumänischen Firma vorgenommen. Danach wurden 50 ha der insgesamt 90 erforscht, auf der sich die etwa 3500 Jahre alte Festung befindet. So wurden die Spuren einer riesiger, 100 x 40 m umfassenden Fes-tung, vermutlich eines Palastes, entdeckt. Prof. Krause verwies auf die Ähnlichkeit zwischen den im Maroschtal entdeckten Festungen mit jenen in Norditalien, die ebenfalls aus der Zeit vom 17.-13. Jahrhundert v. Chr. stammen. Dies lässt vermuten, dass seit der Bronzezeit zwischen diesen Gebieten Handelsbeziehungen bestanden. Das Museum aus Arad beabsichtigt, einen Teil des archäologischen Gebietes als Museum zu erhalten, was viele Touristen anziehen würde. Ein Gegenstück dazu besteht im Deutschland, und zwar das hessische Museum in Glauburg.

Der Vortrag dauerte 75 Minuten, erhielt stürmischen Applaus und wurde mit einem Kunstalbum „Talente” junger Künstler belohnt, die gerade in Frankfurt ausstellen. Nach dieser Exkursion in die Bronzezeit konnten die Teilnehmer Gaumenfreuden des Hauses probieren und einen rumänischen Wein oder Wasser und Fruchtsäfte trinken, je nachdem, wie sie nach Hause fuhren. Die Gespräche drehten sich um den Vortrag des Professors und um allgemeine archäologische Themen. Das Interesse der Zuhörer an diesem Thema war überraschend und bewies die Richtigkeit der Veranstaltung.

Wir danken für die Vorbereitung des hochwertigen Vortrags vor allem den Architektinnen Delia Stieber und Ramona Belba sowie der Vorsitzenden der ARO, Frau Cornelia Kaufmann, denen auch der gute Abschluss der Veranstaltung zu verdanken ist.

Dr. Ing. Vlad Negulescu, Stellvertretender Vorsitzender der ARO

Nachtrag:

Es wurde immer schon vermutet, dass die Sanktannaer Flur ein geschichtsträchtiger Boden ist, daher auch der Flurname „Alte Festung”. Bewiesen wurde es in den 1960er-Jahren, als der Historiker Egon Dörner vom Arader Museum die archäologischen Ausgrabungen einer Forschergruppe auf dem bedeutungsvoll „Cetatea Veche” (Alte Festung) genannten Terrain leitete, wo auch längere Zeit eine Ziegelfabrik tätig war. Man hörte von Erfolgen der Ausgrabungen, doch dann wurden die Zahlungen durch die Arader Behörden eingestellt und die Grabungen unterbrochen. Unter der Hand wurde erzählt, dass der standhafte Historiker Dörner bei seinen Geldgebern in Ungnade gefallen sei, da er sich weigerte, alle ausgegrabenen Siedlungsspuren als „dakisch” auszugeben, wie es zurzeit Ceaușescus und seines Vorfahrenkults üblich war und gefordert wurde. Egon Dörner wusste, dass die Siedlung älter als die kaum historisch erfassbaren Daker ist. Die neuen deutsch-rumänischen Ausgrabungen haben auch bereits gezeigt, dass die große bronzezeitliche Festung (bzw. der Palast) bei Sanktanna etwa 3500 Jahre alt ist und den Kelten zugeordnet werden kann – wie es der Forscher Egon Dörner immer behauptet hatte. Zudem sind Ausgrabungen im Maroschtal aus dieser Zeit mit ähnlichen Festungen in Norditalien vergleichbar, was für einen großräumigen europäischen Warenverkehr und gegen den Einmaligkeitsanspruch des rumänischen Diktators spricht. Prof. Rüdiger Krause wird die Erforschung der weitläufigen Grabungsstelle neben Sanktanna mit einer weiteren Förderung des Vorhabens fortsetzen und sicher noch viele Besonderheiten in der Geschichte dieses Gebietes zu Tage fördern.

Auch ich war mit der Ortschaft und seiner Geschichte kurze Zeit verbunden. Während meines Einstiegs in das Lehramt unterrichtete ich von 1961-1964 an der deutschen Grundschule (ein deutscher Gymnasiusstrang wurde damals verweigert) neben den Fächern Deutsch und Rumänisch – notgedrungen – auch Geschichte des Vaterlandes, in rumänischer Sprache, in der 7. Klasse. Um die Schüler für Geschichte zu interessieren, und auch als Abwechslung, ging ich mit interessierten Schülern nachmittags einige Male auf die Dorffur, um (nach dem Vorbild des Arader Museums) „archäologische Ausgrabungen” zu machen: Die Schüler sammelten auf dem Acker herumliegende Tonscheiben oder gruben sie gar mit einer Handhacke aus.

Eigentlich wollte ich die Schüler auch für die Banater Siedlungsgeschichte interessieren, die im Lehrbuch von den glorreichen Vorfahren des rumänischen Staatsvolkes verdrängt wurde. Mehrere Schüler beherzigten meine Aufforderung, stöberten in alten Schränken und auf Dachböden und brachten alte Rechnungen, Briefe – weniger Dokumente – in die Schule. Es gelang mir einen „historischen Schrank” mit Artefakte und Dokumenten in einem Gang unserer alten Schule aufzustellen und gegen rumänische Kollegen zu verteidigen, die darin zu viele deutsche Unterlagen sahen. Als ich 1945 an die Grundschule von Glogowatz weiterzog, übernahm niemand den „Historischen Schrank” und sein Inhalt ging den Weg alles Sterblichen. Allerdings erinnern sich noch einige meiner ersten Schüler (heute nur 11 Jahre jünger als ich), an unsere „Ausgrabungen” auf dem Sanktannaer Hottar. Für uns sind die Arbeiten von Prof. Rüdiger Krause eine Genugtuung und für Sanktanna eine Sternstunde.

Dr. Hans Gehl

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